Wittenberg-Wittenberge

Was ist es, das Tandemfahren so anders macht?
von „Matthias Scholz“: Vor der Tour ist nach dem Zweifel
Es ist im wahrsten Sinne des Wortes 5 vor 12. Eine Entscheidung muss her. Schnell noch aussteigen oder einfach mitfahren? Ich bin mehr als nur aufgeregt am Tag der Abreise. Das ist eigentlich nichts Besonderes vor längeren Touren.


Selbst mein Jahresurlaub bringt mich jedes Mal aufs Neue immer wieder in Bedrängnis. Alles muss perfekt organsiert sein. Zumindest in meinem Kopf. Gepackt hab ich zum Glück schon gestern. Heute wäre dafür kein Platz mehr im zeitlichen Ablauf. Ich muss weitermachen. Das hier alles noch irgendwie fertig bekommen. Zwei Stunden später bin ich immer noch auf Arbeit. In 30 Minuten fährt mein Zug. Ich könnte jetzt einfach Sebastian anrufen und absagen. Wegen der Arbeit. Oder wegen mir. Oder weil es mir einfach doch zu viel geworden ist. Wie ich das nicht selten in der Vergangenheit getan habe. Aber dieses Mal bin ich einen Schritt weiter. Stärker als in den letzten Monaten. Ich treffe eine Entscheidung. Für mich. Allein. Ein kurzer Moment und es ist geschafft. Akten weg. Laptop aus. Tasche und Schlüssel geschnappt und die Bürotür von außen verschlossen. Ein kurzes „Tschüss bis nächste Woche!“ an die Kollegen und ich bin raus aus der Sache. Nach einem letzten Sprint auf meinem alten, aber gerade mit neuen Lagern und Kettenblättern versehenen Zweirad-Einsitzer, schaffe ich es dann doch noch, keine fünf Minuten zu früh, auf dem richtigen Bahnsteig zu sein. Auf nach Wittenberg. Fast bilde ich mir ein, dass der Zugbegleiter gleichzeitig verwirrt und anerkennend dreinschaut, als ich ihm sage, dass ich meine Rückfahrkarte in 4 Tagen dann von Wittenberge aus bräuchte. 5 Stunden Zugfahrt lassen Raum für drei Viertel eines Krimis.

Wittenberg und die unbefleckte Empfängnis

Hier beginnt dann wohl das eigentliche Abenteuer. So sollte es sein. Aber vorher muss ich meine Mitstreiter erst einmal finden. Wie könnte es auch anderes sein, als diese – gerade hier in Wittenberg – in einer Kirche zu suchen. Der Glaube ist bekanntlich der Anfang aller guten Werke. 20 Minuten Fußweg und eine Begegnung mit einer Ordensschwester später bin ich unverkennbar am richtigen Ort. Drei Tandems sollten wohl nicht zweimal in Wittenberg – ausgerechnet an Kirchenmauern gelehnt – zu finden sein. Sebastian – endlich ein Bild zur Stimme. Was lustigerweise auf Gegenseitigkeit beruht. Ich hatte zwar viele Dokumente per Mail versandt, aber ein Bild von mir war keines dabei. Anonymisierte Bewerbung quasi. Geschäftiges Packen und Abendbrotvorbereitungen machen die ersten Minuten aus. Neben Sebastian, der mit Laptop und Telefon wohl schon die nächsten Pressetermine oder gar die nächsten Etappen organisiert, sind zwei weitere Mitfahrer schon vor mir da. Peter ist erfahrener Mut-Tourer, ein ruhiger Patron, Weltenbummler und kennt Geschichten aus Tausend-und-Einer-Nacht. Unsere Abendbrot- und selbstgewählte Frühstücksfee kommt nahezu aus meiner Nachbarschaft. Sachsen gibt es halt doch überall. Hanna ist Berlinerin und die jüngste im Bunde. Soweit zur Vorstellungsrunde. Und trotzdem ist da noch immer das seltsame Gefühl mit wildfremden Menschen auf Reisen zu gehen. 2 Stunden später bin ich zumindest nicht der letzte des Teams der noch vermisst wird. Der Abendbrottisch steht gedeckt auf dem Kirchplatz doch einer fehlt noch – Guido. Am Ende einer Deutsche-Bahn-Odyssee für ihn entsteht bei mir der erste Gedanke, wofür man Tandems nutzen kann – ein Taxi vom Bahnhof erübrigt sich. Nach dem ersten Abendschnack im vollzähligen Team liegt vor mir eine unruhige Nacht. Die Aufregung vor den Herausforderungen der ersten Tagestour lässt im Kampf „Ängste gegen Träume“ diese Nacht noch den Herausforderer nach Minutenpunkten siegen. Doch die Träume fordern eine Revanche.

Beladene Tandems sind schon schwer, Tandemfahren auch nicht mehr
Tandem fahren scheint nach Sebastians Erklärungen eine relativ logische Sache zu sein. Es geht um Lastverteilung, Drehmoment, Winkelgeschwindigkeit, weniger um Anpress- vielmehr um Reifendruck, mehr Gepäck-Volumen vorn – mehr Gepäck-Gewicht hinten. Es sei denn, es geht um Gewichte oberhalb der Sattelhöhe, denn dann sollte es sich genau andersherum verhalten. So meine ich es zumindest verstanden zu haben. Als wir über Lotmessungen zum Winkeldruck des Knies und dahingehend auch Fußes aufs Pedal sprechen – „wobei Pedale mit längerer Achse eine bessere Kraftumsetzung als herkömmliche Fahrradpedale haben“ (Zitat Sebastian) – steige ich irritiert-erheitert aus der Diskussion aus und wenige Minuten später unsicher aufs „Schauff-Schwarz“ auf. Wackelige Sache als Pilot, und bestimmt `ne aufregende Sache als Co-Pilot. Denke ich mir. Reden kann ich mit Hanna erst später wieder, wenn ich mich wieder auf mehr als Lenken, Spur halten, Kurvenfahren und Bremsen konzentrieren kann. Zum Glück ist der erste Pressetermin keine 400 Meter entfernt auf dem Wittenberger Markt direkt vorm Rathaus. Pressetermin – gleich nochmal Aufregung. Aber Sebastian und Peter steuern das Mut-Tour-Schiff als Kapitän und Maat mit der unerfahrenen Besatzung gleich in sicheres Fahrwasser. Die Pressetermine am nächsten Tag wird die Mannschaft dann schon allein übernehmen können, wenngleich der Kapitän nie das Schiff gänzlich verlässt, sondern (Achtung – Metaphern-Alarm!) maximal mit dem Dingi ein paar Rad-Meilen der bald folgenden Route erkundet. Kaum aus der Stadt heraus, merke ich, dass meine Co-Pilotin manches Mal noch hörbar Luft einzieht, wenn ich ihr leider wieder einmal einen Adrenalin-Schub mit einem Bremsmanöver verpasst habe. Wir klären kurz, dass ich wohl doch ein paar Zentimeter zu groß oder zu breit bin (Hanna ist da äußerst höflich), als dass sie Schlaglöcher, herunterhängende Äste oder faustgroße Kiesel auf dem Weg vor uns von hinten sehen könnte. „Durchsagen“ von Pilot an Co-Pilot machen auch das Brems- und Kurvenverhalten des Tandems insgesamt um Einiges einfacher. Nachmittags habe ich schon das Gefühl ein zweites Mal Fahrradfahren gelernt zu haben und wage auch mal das ein oder andere schwierigere Manöver. Besondere Herausforderungen bietet immer noch das gemeinsame Anfahren. Pedalen auf 2 Uhr. Beide gemeinsam aufsteigen oder sitzt der Co-Pilot vorher schon im Sattel? Klickpedalen einrasten oder lieber sein lassen? Einfach mal aufstehen, wenn der Hintern weh tut, ohne dem Tandempartner vorher Bescheid zu geben? Es gibt ein paar Sachen, die kann man mal Ausprobieren. Aber eben nur ein Mal. Keine acht Stunden sind seit dem Tour-Beginn vergangen und ich bin mittendrin im Abenteuer Tandemfahren.
Es fühlt sich gut an, dass vor 24 Stunden mein Mut meine Zweifel besiegt hat, sonst wäre ich nie bis dort hin gekommen, wo ich jetzt – nach der Mut-Tour – angelangt bin.

04.08.2015